Meine Crowdfunding-Kampagne ist erfolgreich beendet worden. Doch ein Ereignis, das damit nicht direkt etwas zu tun hatte, bedarf eines Kommentars. Es geht um nichts weniger als die Freiheit der Wissenschaft.

Soeben ist mein Crowdfunding-Projekt auf startnext.com erfolgreich zu Ende gegangen. Ich hatte »die Crowd« um Unterstützung für ein Herzensprojekt gebeten und schneller als erwartet auch erhalten. Insofern könnte ich mich nun auf den nächsten Teil der Arbeit stürzen und es mit den Erfahrungen auf sich beruhen lassen, die ich im Zusammenhang mit dem Projekt gemacht habe. Die Plattform ist wirklich gut, ich hatte Erfolg. Aber es gab in dem Prozess ein Ereignis, das ich nicht einfach auf sich beruhen lassen kann, sondern öffentlich machen muss.

Wer meine Projektseite bei Startnext ansteuert und nach unten scrollt, sieht, dass das Vorhaben von »Sciencestarter« kuratiert wurde, was bedeutet, dass ich vor dem Beginn der Finanzierungsphase Tipps zu meiner Kampagne erhalten habe. Diese Tipps haben meinen Auftritt deutlich verbessert. Sciencestarter gehört zu den Dutzenden von Partnern von Startnext, die auf ihrem jeweiligen Feld – häufig ist die verbindende Klammer der regionale Bezug – den Kampagnen durch Beratung zum Erfolg verhelfen wollen. Sciencestarter kuratiert Projekte aus dem Bereich Wissenschaft.

Damit das eigene Projekt von einem Startnext-Partner kuratiert wird, muss man sich bewerben. Ich richtete also meine Projektseite ein und schickte ein dreiseitiges Exposé, das ich ohnehin schon in Gebrauch hatte, an Sciencestarter und wartete auf den bei einem Vorgespräch angekündigten Rückruf – der aber nicht kam. Ich hatte zwar sehr viel Vorlaufzeit eingeplant, aber irgendwann wollte ich eine Antwort auf meinen Antrag haben, und zwar egal welche, auch wenn mir eine Ablehnung ausgeschlossen erschien; mein Projekt passte einfach viel zu gut in das Anforderungsprofil von Sciencestarter.

Quelle: Internet

Ich meldete mich also eines Tages erneut bei meinem Kontakt (ob männlich oder weiblich, tut nichts zur Sache – er, also der Kontakt, soll anonym bleiben) und musste nicht lang erklären, um was es ging. Denn meinem Kontakt war ich sehr präsent – er hatte ganz offensichtlich viel und oft mit seinen Kollegen über mich und meinen Antrag geredet. Stammelnd und erkennbar verlegen erklärte er mir, dass man vorhabe, meinen Antrag abzulehnen. Und zwar nicht etwa, weil mein Projekt schlecht, unangemessen oder sonstwie nicht förderungswürdig wäre, sondern weil man sich im Internet über mich schlau gemacht hätte.

Wer bei Google meinen Namen eingibt, der findet an erster Stelle einen Eintrag beim Wiki »Psiram« (früher: »Esowatch«), wo ich als »ein promovierter Politikwissenschaftler und kreationistischer Wissenschaftsjournalist aus Berlin« bezeichnet werde. Wer dann weitersucht, der findet ziemlich schnell heraus, dass ich mich vor ungefähr zehn Jahren an einer Debatte beteiligt habe, in der es auch um Kreationismus und Intelligent Design ging und von deren Protagonisten ich mich nicht distanzierte. Das tue ich auch heute nicht, denn Gesslerhüte bleiben von mir grundsätzlich ungegrüßt.

Das Team von Sciencestarter war allerdings der Meinung, dass mich das, was es von der damaligen Debatte mitbekamen, für eine Unterstützung disqualifiziert. Kollegen argumentierten, wie mir der Kontakt am Telefon erläuterte, dass meine damalige Position nicht mit den Werten von Sciencestarter vereinbar sei. Das heißt, mein Antrag auf Unterstützung meiner Startnext-Kampagne für meine Linse-Biografie, gegen die erklärtermaßen nichts einzuwenden war, sollte mit dem Verweis auf eine uralte Debatte über die Grenzen der Wissenschaft und die dabei angeblich von mir vertretenen Positionen abgelehnt werden. Als ich das hörte, schwankte ich zwischen Entgeisterung, Belustigung und Empörung.

Für mich war sofort klar, dass diese Begründung unhaltbar war, und zwar formal wie inhaltlich: formal, weil sie sich auf etwas ganz anderes bezog, und inhaltlich, weil die Begründung einfach falsch war. Das Team von Sciencestarter war offensichtlich von der Materie überfordert. In der Kreationismus-Debatte war es mir nämlich gar nicht um Kreationismus oder die Belange von Kreationisten gegangen. Kreationismus ist in meinen Augen unvernünftig, aber Kreationisten gibt es in Deutschland ohnehin nicht (von ein paar Zeugen Jehovas abgesehen). Mir ging es vielmehr um den Antikreationismus, also um den verbissenen Kampf einer bestimmten Sorte Naturwissenschaftler, die sich im Namen von Wissenschaft, Vernunft und Aufklärung an einem Phantom abarbeitet und dadurch erst mein Misstrauen erregte. Es war mir, als ich begonnen hatte, mich mit der Materie zu beschäftigen, recht bald klargewesen, dass hier eine weltanschauliche Auseinandersetzung stattfand, die lediglich mit dem Etikett »Wissenschaft« versehen worden war.

Die einzig richtige Entscheidung

Die Fotos der Teammitglieder zeigen überwiegend junge Menschen, die weniger (natur-)wissenschaftliche Bildung auszuzeichnen scheint als nützliche praktische Fähigkeiten im Projektmanagement und ähnlichen Gebieten. Da tummeln sich vor allem Kultur- und Sozialwissenschaftler, die »fasziniert von gesellschaftsrelevanten Themen« sind und »junge Menschen für Wissenschaft begeistern« wollen, wogegen natürlich überhaupt nichts einzuwenden ist. Aber bereits die Beschreibung der Mitarbeiter von »Wissenschaft im Dialog« ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sie mit der selbstgestellten Aufgabe, die damalige Debatte zu verstehen und meine Rolle darin und meine Positionen korrekt einzuordnen, überfordert waren.

Mit meinem Kontakt vereinbarte ich am Ende unseres Telefonats, dass ich von ihm am nächsten Tag eine E-Mail erhalten würde, in der er mir die Entscheidung begründen würde. Diese E-Mail kam tatsächlich, und zwar mit dem einzig richtigen Inhalt: Es war die Zusage, dass Sciencestarter mein Projekt kuratieren würde, und die Bitte um Entschuldigung für »das uneindeutige Telefonat«. Man könne nur Projekte unterstützen, die den »Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis« entsprächen und müsse selber beurteilen, wann das der Fall sei, da »wir kein umfangreiches Review-Verfahren durchführen können«. Man sei also auf sich allein gestellt gewesen. »Wir haben bei Wissenschaft im Dialog diskutiert, haben uns so gut es geht online informiert, haben externe Kollegen gefragt, und waren uns nicht einig.« Bei mir habe man wegen der Internet-Recherchen eben Zweifel gehabt, aber letztlich sei man zu dem Schluss gekommen, dass mein Projekt nicht gegen die genannten Grundsätze verstoßen würde.

Nebenbei bemerkt: Mit der »Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis« hat die Diskussion bei Sciencestarter erkennbar nichts zu tun, denn bei den von der DFG herausgegebenen Grundsätzen geht es um die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Forschung, aber nicht um Inhalte. Anlass zur Erarbeitung der Richtlinien war ein besonders krasser Fall von Fehlverhalten, der dazu führte zu fragen, »ob Vergleichbares häufiger vorkommt und ob die Wissenschaft in ihren Institutionen über hinreichende Kontrollmechanismen zur Qualitätssicherung verfügt. Wie konnte es geschehen, dass sie über so lange Zeit außer Funktion gesetzt wurden?« Wenn mir nicht sofort klargewesen wäre, dass mein Kontakt mit seiner E-Mail (vergeblich) versuchte, einen einigermaßen geordneten, gesichtswahrenden Rückzug anzutreten, hätte ich seine Verknüpfung meines Projekts oder meine seinerzeitige Teilnahme an einer politischen Debatte mit wissenschaftlichem Fehlverhalten für eine Unverschämtheit halten können.

Überforderte Mitarbeiter

Ende gut, alles gut? Ja und nein! Ja, weil ich von Sciencestarter anschließend praktische, wertvolle Ratschläge erhalten habe. Nein, weil das Problem grundsätzlicher Natur ist: Sogar in eigentlich seriösen Einrichtungen wie »Wissenschaft im Dialog« – es wird immerhin von den führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen getragen – tendiert ganz offensichtlich das Vermögen der Mitarbeiter zur Selbstreflexion gegen Null. Ich habe jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass sich das Team noch nie Gedanken darüber gemacht hat, was »Wissenschaft« sein könnte. Es hat überhaupt keine Vorstellung von dem »Produkt«, das es »verkaufen« möchte: Was sind die Kriterien für »Wissenschaft«? Wie politisch ist sie? Wo liegen ihre Grenzen? Und so fort.

Fatal ist, dass die auf sich allein gestellten und überforderten Mitarbeiter (vgl. DFG-Empfehlung 4: Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuches) öffentliche Mittel nach privaten Kriterien vergeben dürfen und – zumindest in meinem Fall – in ihrer ganzen Unbedarftheit die freiheitsfeindliche Agenda der Antikreationisten exekutieren. Letztlich führen sie das Prinzip »Wissenschaft«, das sie doch so gerne der Öffentlichkeit vermittlen möchten, ad absurdum. Ich habe meinen Blog seinerzeit wieder eingestellt, weil ich der Meinung war, das Wichtigste gesagt zu haben. Das Problem besteht, wie ich nun am eigenen Leibe wieder erfahren musste, aber nach wie vor. Wissenschaftskritik ist nötig wie eh und je.

Am Ende eines offenbar peinlichen Erkenntnisprozesses schreibt mein Kontakt zwar: »Wir nehmen Ihren Fall auch zum Anlass, das Verfahren zu optimieren und transparenter zu machen, wer und wie eigentlich entscheidet, welche Projekte von Sciencestarter kuratiert werden und welche nicht.« Das hoffe und glaube ich gern. Aber ich habe weiterhin leise Zweifel, dass das gelingt.

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